Jeantex-TOUR-Transalp 2006
Die Vorjahresteilnahme hat uns beflügelt - also haben wir uns auch für 2006 was vorgenommen. Wir, das sind Lars Bresche aus Essen und Bernd Emmrich. Die Anmeldung kann getrost als Prolog gesehen werden, bereits nach wenigen Stunden war die Anmeldung bereits wieder geschlossen, das Teilnehmerlimit erreicht. Die erste Hürde haben wir souverän genommen, so dass wir mit der Startnummer 217 nach Oberammergau rollen. Die Nummernzuteilung bedeutete Block C und war etwas enttäuschend, schließlich hatten wir schon erwartet, durch das Vorjahresergebnis mindestens wieder im Block B zu stehen - dazu wäre eine Nummer unter 200 erforderlich gewesen.

Zusammen mit Larsis besserer Hälfte Silke Pokrop und deren Teampartnerin Kerstin Löffler (Team "Radsport Glaser") und den weiteren Teams von der schwäbischen Alb (Masters-Team "Belli" und Grandmasters-Team "De vo dr ALb ra") gingen wir die Woche an.

In den Monaten zuvor wurden Hotels und Pensionen gebucht, viele E-Mails ausgetauscht und natürlich fleißig trainiert. Mit gut 6.000 km hatte ich zwar ca. 1.000 km weniger drauf als im Vorjahr, aber es war immer noch genug auf dem Tacho, um sich ehrgeizige Ziele zu setzen: Das hieß unter die TOP 50  zu fahren! Da das Training in diesem Jahr auch deutlich effektiver gestaltet wurde, sind die Voraussetzungen nicht schlechter gewesen. Ursprünglich meinten wir damit, mal in den Startblock A rutschen zu können, doch das Regelwerk wurde geändert: Dort hatten dieses Jahr nur die ersten fünf Teams jeder Kategorie sowie die TOP 40 overall Zutritt. Faire Lösung im Kampf um die Podestplätze, aber schwieriger für uns...

Nun aber zum JTA-Tagebuch:

   


Etappe 1: Oberammergau - Sölden (25.06.2006)

141,61 km - 2440 Hm
Pässe: Ammersattel (1082); Hahntennjoch (1894)

 

Wie im Vorjahr stehen wir nun also wieder am Start in O'gau. Am Parkplatz fielen einzelne Regentropfen, weshalb schnell noch die Regenjacke in die Rückentasche wanderte - übertriebene Vorsicht, wie sich noch heraus stellen sollte. Im Vergleich zum Vorjahr stehen wir einen Block weiter hinten in C. Erfreut sind wir nicht gerade darüber, ist doch die Startphase eine der kritischsten und gefährlichsten der ganzen Tour. Da aber die lange Neutralisation vom Vorjahr sehr stark verkürzt wurde, war das dieses Jahr gar kein Problem. Anfangs trennten noch die Motorrad-Marshals die Blöcke. Als aber das Ende des Blocks B bereits das moderate Tempo in der neutralisierten Startphase nicht halten konnten und so die Lücke nach vorne groß zu werden drohte, reagierten die Mopeds geistesgegenwärtig und hoben die Neutralisation auf - da waren wir gerade mal unter der Umgehungsstraße durchgefahren.

Wir orientierten uns nach vorne, um dem ärgsten Gedränge aus dem Weg zu gehen und den Anschluss nicht gleich zu Beginn zu verpassen. Mit dem Ausgang des Rennens haben wir natürlich nichts zu tun, aber den Leuten in unserem Leistungsbereich wollen wir natürlich auch nichts schenken :-) 

Leider passieren auch dieses Jahr auf dem Teilstück bis Reutte wieder mehrere Stürze. Scheinbar ohne jeden Grund liegt plötzlich ein Knäuel aus Alu, Karbon und Fleisch auf dem Asphalt. Zwar haben dieses Jahr die auf der Straße ausweichenden Autos keinen Einfluss auf die Stürze, trotzdem fällt es auch dieses Jahr negativ auf, dass viele angehaltene Autos in Gegenrichtung auf der linken Spur mangels Platz stehen bleiben müssen und so sehr gefährlich die Fahrbahn verengen. Ich kann es nicht verstehen, dass man es nicht schafft, dies Fahrzeuge, in denen zu 99% nur Urlauber und Ausflügler sitzen, nicht von dieser Straße fern halten kann. Diese Leute hätten doch Zeit...

Nach Reutte hat aber so ziemlich jeder seinen Platz im Feld gefunden, es läuft angenehm dahin. Das Tempo ist gemächlich, wir kommen sogar in den Genuss, das Feld für einige Minuten anzuführen. Leider waren wir nicht ganz die Ersten, wie wir später erfahren sollten, mit Jens Volkmann ist ein Teil des späteren Siegerteams bereits mehrere Minuten voraus gefahren. Aber das virtuelle gelbe Trikot hatten wir hier tatsächlich inne! ;-)

Nachdem Stanzach passiert wurde, kam wieder etwas Nervosität ins Feld: Im Anblick der ansteigenden Straße zum Hahntennjoch wurde eine kurze Riegel-, Gel- und Trinkorgie gestartet, um sich für die erste Prüfung der Woche zu rüsten. Im Anstieg zum Hahntennjoch wurden dann zum ersten Mal die Hosen runter gelassen, teilweise brachial wurden die ersten Höhenmeter genommen – ungeachtet dessen, dass ca. 1.000 Höhenmeter am Stück anstanden.

Ich schlage relativ hohes Tempo an (Pulsmesser drehte hoch…), Lars wählt die konstante Drehzahl. Wie gewohnt bleiben wir aber stets in Sichtweite. Es ist sehr heiß in der Steigung, was vor allem mir zu schaffen macht. Gemeinsam erreichen wir die von einigen Zuschauern belagerte Passhöhe und stürzen uns in die kühlende Abfahrt. Es läuft flott runter, erstaunlicher Weise kann ich auf Lars sogar etwas Boden gut machen (liegt es am Gewicht?). Dass hier hinter uns noch horrende Unfälle passieren sollten, ahnen wir natürlich nicht. Aber dass hier immer wieder Autos entgegen kommen bzw. hinter der Kurven halten, sorgte doch für den einen oder anderen Schrecken. In Imst finden wir gerade noch Anschluss an eine Gruppe, mit der wir durch das Inntal kommen wollen. Doch die Streckenführung ist mal wieder kreativ, die Einfahrt ins Ötztal bei Roppen/Oetz hält schmerzhafte, kurze Anstiege vor der zweiten Verpflegungsstation bereit. Die leeren Wassertanks werden nachgefüllt, denn die Hitze treibt das Wasser mit hohem Druck aus allen Poren.

 Bernd Emmrich Jeantex Tour Transalp 2006 Hahntennjoch Lars Bresche Jeantex Tour Transalp 2006 Hahntennjoch
Hier wird der Druck aufgebaut, der den Kessel wenig später zur Explosion bringt ;-)  - Lars hingegen nahms locker.

Nun steht also nur noch die Ötztalstraße nach Sölden bevor. Eigentlich keine schwere Sache, aber mein Motor zeigt schon bald erste Überhitzungserscheinungen. Kurze Tempoverschärfungen werden nötig, um den wichtigen Gruppenanschluss nicht zu verlieren. Doch bald fallen auch diese dem Motorstottern zum Opfer. Lars kurbelt unbeeindruckt dahin, ich quäle mich wie ein Schwein und komme doch nicht voran. Schließlich muss ich abreissen lassen, Lars nimmt mich in den Windschatten. „Nur noch 22 Kilometer“ sagte mir Lars und wollte mich damit motivieren – mich traf das aber wie ein Blitz. Wie soll ich das noch schaffen? Ich bin am Ende, Team um Team ziehen an uns vorüber, an keinem kann ich dran bleiben. Dann steht ein barmherziger Mensch mit einem Wasserschlauch am Straßenrand, ich lasse mir ein Dusche verpassen - Danke! Äußerlich hilft das kurzzeitig, innerlich steht allerdings unmittelbar die finale Explosion bevor. Nochmal zieht eine Gruppe vorüber, unter anderem mit Trikots vom Schierker Feuerstein. Hier kann ich noch mal ein Korn mobilisieren, um wenigstens die Gerade bei Längenfeld in der Gruppe zu lutschen. Doch schließlich ist die Lunte abgebrannt und die Bombe platzt: Krämpfe erschüttern die Oberschenkel, jede Bewegung wäre jetzt fatal. Da hilft nur noch der Not-Aus-Knopf: Stehen bleiben, trinken, Beine lockern (soweit überhaupt möglich) und hoffen, ohne Krampfattacke wieder in Sattel gehen zu können. Die ersten Tritte sind übel, doch das Betätigen der Reset-Taste war einigermaßen erfolgreich. Wenige Kilometer vor dem Ziel wartet Partner Lars und nimmt mich ans Hinterrad. Völlig erschüttert erreiche das Ziel: Wenn man sich bereits am ersten Tag schon so einen in die Socken fährt, kann das für den Rest der Woche eigentlich nichts Gutes bedeuten. Hoffnung macht nur die Erinnerung an das Vorjahr, dort passierte Ähnliches am zweiten Tag. Hitze ist halt nix für mich…

Am Ende steht Platz 39 bei den Herren, irgendwas über 70 gesamt zu Buche. Irgendwie habe ich das Gefühl, ranglistentechnisch heute noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein.

 

Etappe 2: Sölden - Brixen (26.06.2006)

126,02 km - 3216 Hm
Pässe: Timmelsjoch (2509) Jaufenpass (2094)

 
 

Ob der Vortag einigermaßen verdaut wurde, wird sich heute sehr schnell herausstellen. Denn unmittelbar nach dem Start steht der Anstieg zum Timmelsjoch an. Die Höhe verspricht milde Temperaturen, Rennleiter Stanciu spricht sogar wegen der Schneereste auf der Passhöhe von „arctic feeling“ – klingt wie Musik in meinen Ohren! Lediglich der zweite Anstieg zum Jaufenpass könnte da wieder unangenehm werden, schließlich liegt die Straße südseitig ab 600 m an.

9 Uhr – los geht’s. Lars zieht wieder los wie ein Moped, um gleich nach dem Start möglichst viele Positionen gut zu machen, und ich muss sehen wo ich bleibe. Eigentlich wäre mir jetzt ein gemütliches Mit-Einrollen sehr recht gewesen, aber wenn Larsis Moped mal läuft, dann läuft es. Noch vor Untergurgl kassieren wir die Laktatexpress-Kollegen Jörg und Dani sowie das Teil-Laktatexpress-Team Schierker Feuersteine. Der etwas abfällige Kommentar „bis später“ wurde zur Erhöhung der Motivation zweckentfremdet ;-)

Lars behält wie immer seine gewählte Schlagzahl bis zur Mautstation bei, ich hänge immer noch hinten dran. Die kurze Abfahrt ist sehr willkommen, Kühlung und Essenszufuhr werden ausgiebig genutzt. Die finalen 600 Höhenmeter werden zügig genommen, hier kann auch ich mal wieder nach vorne gehen. Die nebelige Kühle auf dem Timmelsjoch ist außerordentlich wohltuend, von einer Neugeburt möchte ich aber nicht sprechen. 

Bernd Emmrich Jeantex Tour Transalp 2006 Timmelsjoch
Wie ein Fisch im Wasser: Zwischen den Schneeresten am Timmelsjoch ist es deutlich angenehmer als am Vortag. Rechts im Bild Larsis Hinterrad, das den Takt vorgibt.

Lars Bresche Jeantex Tour Transalp 2006 Timmelsjoch

Nach Verpflegung und Jackenüberzug geht es wieder abwärts ins Passeiertal. Eigentlich war für das italienische Staatsgebiet eine polizeilich gesperrte Strecke (zumindest ab Moos) angekündigt, doch der nicht unerhebliche Gegenverkehr lässt andere Schlüsse zu. Nun gut, wenn man weiß, dass jemand entgegen kommt, ist das ja auch kein Problem. Die Gruppe rollt solala bergab, wir sehen uns das eine Zeit lang an, ehe wir uns zum Überholen entschließen. In St. Leonhard in Passeier nimmt das Vorderrad gegenüber dem Hinterrad wieder eine erhöhte Position ein, was nun für eine ganze Weile auch so bleiben soll. Lars liegt mit seinem Tipp, nach 2 Stunden in St. Leonhard zu sein, goldrichtig. Also stehen wir im Jaufenpass mitten in der Mittagshitze…

Lockere Bewaldung und der relativ rasche Gewinn an Höhe lassen die Temperaturen aber gerade noch erträglich erscheinen. Larsis Tempo ist wieder konstant, während ich doch kleinere Leistungsschübe und –pausen verzeichne. Insgesamt sind wir aber nie mehr als 100 Meter voneinander entfernt. Die letzte Jause steht bereits bei der Hälfte des Anstiegs bereit, was sehr gelegen kommt. Angesichts der noch bevorstehenden Distanz (ca. 60 km) aber dann doch teuflisch früh. Die Abfahrt läuft super, denn der bekannt schlechte Belag im oberen Teil ist verschwunden, eine nagelneue schwarze Asphaltdecke lässt den Tacho kräftig arbeiten. Auch hier hänge ich Lars ab, was völlig neu ist. Lars war bisher der weit bessere Abfahrer. Ich mache mir nun ernsthafte Sorgen um mein Gewicht. Nach einer scharfen Rechtskurve sehen wir ein Sturzopfer, das bereits notärztlich behandelt wird. Bei diesem Tempo ist ein Sturz sicher alles andere als angenehm. Alles Gute für den Kollegen!

Kurz vor Sterzing rollen wir mit einem anderen Team zusammen und bilden eine kleine Gemeinschaft. Die Führungen der beiden (die Nummer nennen wir hier nicht) sind nicht sehr engagiert, bald werden wir von hinten von weiteren ca. 10 Mann aufgerollt. Auch hier stockt die Tempoarbeit etwas, vor allem unsere beiden Mitstreiter blockieren die Wechsel an den Führungen. So kommt es, dass Lars und ich uns mit einem Blickkontakt verständigen und einen gefassten Grundsatz, bergab nicht mehr zu attackieren, schon am zweiten Tag brechen: Ein kurzer harter Antritt direkt vor einem Tunnel auf der alten Brennerstraße beschert uns schnell einen deutlichen Vorsprung. Die Blicke nach hinten lassen darauf schließen, dass die Gruppe sich erst spät darauf verständigt, doch mal vernünftig Tempo zu machen. Wir geben mächtig Gas und werden nur in Franzensfeste von einem voll geladenem Lkw ausgebremst. Dieser Lapsus wird aber wieder gut gemacht, da wir einige Meter im Windschatten „mitfahren“ dürfen. Kurz nachher kommt der von Uli Schinderhannes angekündigte Schleichweg über Schabs. Wir beide fahren mittlerweile auf Reserve, denn die Getränke sind längst aufgebraucht. Der Vorsprung auf die Gruppe ist noch konstant, doch die Strecke verlangt noch mal alles ab: Kurze Steigungen und auf den flacheren Stücken Gegenwind, das alles bei hochsommerlichen Temperaturen. Kurz bevor wir in die finale Abfahrt nach Brixen gehen, schließt ein kleiner Teil der Gruppe doch noch zu uns auf. Die gefährlichen Kurven in der Ortschaft mit Autoverkehr werden relativ schnell genommen, von den verwinkelten Gassen in Brixen nehmen wir nur grob was mit. Schließlich erreichen wir völlig ausgetrocknet das Ziel.

Die Zielverpflegung peppelt uns schnell wieder auf, und ein schattiges Plätzchen gönnt uns auch ein langsames Cool-Down. Nach und nach treffen auch weitere Laktatexpressler ein, das angekündigte „bis gleich“ des Schierker Feuersteins vor dem Timmelsjoch hat offensichtlich nicht recht funktioniert. ;-)

Am Abend genießen wir das Programm (Essen, Siegerehrung und Briefing) unter freiem Himmel. Nur kurz unterbrochen von den italienischen Tifosi, denn Italien hat heldenhaft gegen Australien gewonnen, durch einen Elfmeter in der Schlussminute.

In der Tageswertung schaffen wir in der Herren-Kategorie Platz 31, auch in der Gesamtwertung arbeiten wir uns vor. Unser Ziel, unter die TOP 50 gesamt zu kommen, kommen wir aber nicht näher. Zwar machen wir Plätze gut, der zeitliche Abstand scheint aber gewachsen zu sein.

   

Etappe 3: Brixen - St. Vigil (27.06.2006)

90,67 km - 3180 Hm
Pässe: Würzjoch (1987) Furkelpass (1737)

 
  

Und wieder kündigt sich ein warmer Sommertag mit stahlblauem Himmel an: Schon in der Früh ist es recht warm, was mir einige (zusätzliche) Sorgenfalten ins Gesicht meißelt. Schließlich sind Würzjoch und Furkelpass schon Hausnummern auf der heutigen Etappe. Ich beuge dem schon mal vor und tränke kurz vor dem Start Helmpolster und Trikot mit Brunnenwasser. Schon bald nach dem Start beginnt der Anstieg zum Würzjoch, das Feld sortiert sich neu, aber wesentlich gelöster als die ersten beiden Tage. Das nervöse Gerangel scheint nun weitgehend vorbei zu sein, da nun auch der Letzte kapiert zu haben scheint, dass am Etappenstart noch die wenigsten Rennen gewonnen wurden.

Während der Auffahrt sind wir Bestandteil einer kleinen, feinen Gruppe, die relativ gleichmäßig und flott empor strebt. Das Tempo ist angenehm und es eröffnen sich auch herrliche Blicke in die ersten Dolomitenriegel. Man wähnt sich mehrmals auf der Passhöhe, aber nach kurzen Absätzen folgten dann doch noch längere Anstiege, bis schließlich dann doch endlich das Würzjoch überwunden war. 

Lars Bresche und Bernd Emmrich Jeantex Tour Transalp 2006 Würzjoch
Kurz vor dem Würzjoch rollen wir vor Traumkulisse der Dolomiten - Lars das Moped mal wieder vorn! 

Lars Bresche und Bernd Emmrich Jeantex Tour Transalp 2006 Würzjoch Silke Pokrop und Kerstin Löffler Jeantex Tour Transalp 2006 Würzjoch 
Lars gibt den Takt vor und der Rest des Teams muss hinterher. Silke und Kerstin sind begeistert und total locker!

Die Abfahrt ins Gadertal nach Zwischenwasser war wohltuend und sehr angenehm, schließlich haben wir fast 30 Kilometer Anstieg hinter uns. In Zwischenwasser biegen wir ab in Richtung St.Vigil, dem heutigen Etappenziel. Moralisch sehr anstrengend, nur wenige Kilometer davor noch mal links abbiegen zu müssen, um eine Runde um den Kronplatz zu drehen. Die kleine, schmale Straße Richtung Moos schlängelt sich immer ansteigend durch den Wald, ehe wir wieder abfahren dürfen. Die schmale Straße macht das Überholen schwierig, denn so ganz kann man der Zusage des fehlenden Gegenverkehrs doch nicht trauen. Dann fliegt die Nummer 1A vorbei, Jens Schwedler lässt es bergab mal rollen. An den ersten Schwellen aber verteilt er zunächst sein Kleingeld, was er im Trikot stecken hatte, anschließend auch noch seine Luftpumpe. Ziemliche rabiate Mittel, um sich der Verfolger zu entledigen, war eine Schlussfolgerung. Aber das hat er bei seinen Abfahrtskünsten natürlich nicht notwendig, der fährt da in einer anderen Liga.

Nach Reischach werden wir über einen uns schon bekannten Radweg geführt, der einem wirklich die Körner aus den Beinen saugen konnte. Lars hat schon zuvor davor gewarnt, hier zuviel Dampf auf die Kette zu bringen. Relativ gemächlich nehmen wir also die wellige, stark aufwärts orientierte Passage unter die Räder. Ab Niederolang begeben wir uns in den letzten, entscheidenden Abschnitt des Tages, den gefürchteten Furkelpass. In der Mittagshitze sind wir der prallen Sonne ausgeliefert, was als erhebliche Erschwernis zu der immer steiler werdenden Passstraße zählt. Wieder steht eine Gartendusche am Straßenrand, eine private Getränkestelle verhinderte Durstleichen im Straßengraben. Tolle Sache, vielen Dank! Die letzten Kehren sind bis zu 18% steil und verlangen noch einmal alles ab. Diesmal klemmt überraschender Weise Lars ein wenig, er hat mit 38/27 eigentlich die besseren Karten als ich (39/26). Kurz vor der Passhöhe überholt uns das befreundete Master-Team „Belli“, was uns noch mal Motivation zur Erhöhung der Geschwindigkeit gibt. Leider reicht es aber nicht mehr ganz zum Anschluss, so sehr wir uns auch in der Abfahrt mühen.

Schließlich erreichen wir abgekämpft und freudestrahlend das Ziel in St.Vigil. Dort stehen auch noch zur Überraschung Alex und Walter als Empfangskomitee, ich bin etwas irritiert aber doch erfreut. Außerplanmäßig komme ich so zu einer zusätzlichen Portion Lasagne!

Etwas exotisch verläuft die Unterbringung der Räder: Wir konnten bisher die Räder immer in die Zimmer mitnehmen, nur der hiesige Patron sagt nein. Er bietet uns einen Kellerraum an, den er aber nicht wieder zusperrt, nachdem wir dort geparkt hatten. Also hievten wir mit einer Schnur die Räder über den Balkon ins Zimmer und alle waren glücklich. Auch die Räder.

  

Etappe 4: St. Vigil - Wolkenstein (28.06.2006)

120,77 km - 3481 Hm
Pässe: Passo Valparola (2168) Passo Falzarego (2117) Passo Giau (2236)
Colle Santa Lucia (1461) Passo Campolongo (1875) Grödnerjoch (2137)

  

Der Tag begann mit einem Paukenschlag: Gegen 5 Uhr prasselt ein Bilderbuchgewitter nieder. Sturmböen, Regen, Hagel, Blitz und Donner sowieso. Bis zum Start soll es auch nass bleiben. Im Lauf des Tages werden wir noch zwei, drei Mal eingeweicht, ansonsten soll es aber großteils ein angenehmer Tag werden.

In der kleinen Abfahrt von St. Vigil nach Zwischenwasser wird etwas Wasser aufgewirbelt, was aber mit dem Abzweig ins Gadertal schnell ein Ende hat. Die Straße steigt nun leicht an und Lars pirscht sich langsam wieder durch das Feld nach vorne. Für meine Bedürfnisse ist das Tempo sehr schnell, irgendwie liegt mir auch heute das Frühstück noch etwas quer im Magen. Vielleicht sollte ich morgens etwas weniger verschlingen. Bei La Villa/Stern hat die Tempo-Prügelei dann ein Ende, den dort zweigen wir nach links in die Auffahrt zum Passo Valparola ab. Schnell bilden sich die üblichen Grüppchen, die Nachbarn sind täglich die gleichen. Auch Schwedler ist mit seiner Partnerin dabei, und schon wieder hängt seine Mini-Pumpe auf halb zwölf aus der Trikottasche… Scheint so, als ob er davon täglich eine neue vorgesehen hat. Ganz ungewohnt sehen wir vor uns auch das orangene Führungstrikot der Mixed-Wertung. Seltsam…

Die Verpflegungsstelle am Valparola kostet uns den Anschluss an unsere Gruppe, scheinbar brauchen die anderen nichts oder sie haben das alle privat organisiert. Die Abfahrt hinab in Richtung Cortina d’Ampezzo rollt butterweich, schließlich ist das Gefälle moderat und die Kurven gut einsehbar. Nach Pocol dann der Abzweig zum Passo Giau, wo wir wieder Anschluss an andere Teams herstellen. Ich bin immer sehr beruhigt, wenn ich den Giau von dieser Seite aus fahren darf, die andere Seite ist ekelig: steiler und ohne jedes Flachstück. Nach 2/3 des Weges kommt ein neuer Regenschauer mit Donnerhall, was für Lars Glück im Unglück bedeutete: Er erkennt im Regen auf seinem nassen Vorderreifen Luftblasen und schlägt zum ersten Mal Plattenalarm. In der Abfahrt wäre das weitaus blöder gewesen… Die Panne ist jedoch relativ schnell behoben, um die vergangenen Minuten ist es dennoch schade. Etwas ausgeruht nehmen wir noch mal Fahrt auf, um den Passo Giau mit Volldampf hinter uns zu bringen. Die Abfahrt war leider von der regennassen Straße getrübt, so dass man nicht so flott wie gewünscht die gewonnene Höhe vernichten konnte. Die Fahrt über den Colle Santa Lucia hinüber nach Arabba zieht sich wie Kaugummi aufwärts, denn das Stück kenne ich vom Maratona dles Dolomites nur andersrum und da geht es natürlich ganz angenehm bergab dahin. Unsere kleine Gruppe hält sich wacker, die letzten Kilometer vor Arabba nehmen aber einige Tempo raus. Der Respekt vor den noch anstehenden Aufgaben wie Passo Campolongo und Grödnerjoch scheint gehörig zu sein. So ziehen wir den Campolongo einigermaßen flott durch und genießen die Abfahrt nach Corvara. Einfach herrlich, wenn man gesperrte Straßen ganz für sich hat. Aber auch in der letzten Kurve in Corvara liegt ein gestürzter Teilnehmer, welcher ärztlicher versorgt wurde. So ein Anblick drückt immer aufs Gemüt…

Bernd Emmrich Jeantex Tour Transalp 2006 Valparola Lars Bresche Jeantex Tour Transalp 2006 Valparola

Bernd Emmrich Jeantex Tour Transalp 2006 Grödner Joch 
Mal gut gelaunt, mal weniger: Wie das Wetter, so die Stimmung. Mehrere Schauer konnten unseren Spaß nicht trüben. Heute lief es auch ganz gut, speziell das Finale über das Grödnet Joch nach Wolkenstein war für das Alpha-Team des Laktatexpresses lief exposiv.

Und schon brechen die letzten 600 Höhenmeter zum Grödnerjoch an. Die relativ sanfte Steigung kommt uns nach dem bereits nicht unerheblichen Tagespensum sehr entgegen. Wir glauben, alles zu geben und kommen auch gut voran. Bis das Mixed-Team 62 uns von hinten aufrollt. Die ehemalige Top-Triathletin Ute Schäfer keult sich mit ihrem Partner einen aus der Lunge. Diese Gelegenheit nutzen wir und hängen uns an. Ein tolles Tempo, mit dem sie sogar noch das Mixed-Team 1 einholen. Auf der flacher werdenden Passage direkt vor der Passhöhe reicht es aber, wir legen das dicke Blatt auf und verabschieden uns nach vorne. Schließlich haben wir noch was in den Beinen und die Abfahrt sollte ungestört verlaufen. Plan funktioniert tadellos, das Tempo ist hoch genug, um anderen auch auf dem flachen Zwischenstück keine Gelegenheit zu geben, sich in den Windschatten zu klemmen. Auch der letzte Abfahrtsabschnitt ist genial, die neue Teerdecke lässt die Reifen förmlich schweben. Vorsicht ist nur in den wenigen unübersichtlichen Kurven geboten, neuer Asphalt hat immer eine ölige Schmierschicht drauf. Freudestrahlend erreichen wir das Ziel in Wolkenstein, wo die Zielverpflegung mit Schinkensemmeln perfekt ist!

Nur die Zimmersuche ist etwas schwierig, da Sepp eine Pension weit ab vom Schuss gebucht hat. Ohne ihn als Lotsen ist das Haus kaum zu finden. Der heutige Regen macht eine Waschkur für die Räder unausweichlich. Nach der anstrengenden Etappe gibt es sicher erholsamere Dinge als den Dreck vom Rad zu pfrimeln. Ach was wäre da ein putzender Mechanikus wert…

 

Etappe 5: Wolkenstein - Alleghe (29.06.2006)

113,72 km - 3169 Hm
Pässe: Passo Sella (2214) Passo di Fedaia (2057) Passo Staulanza (1766) Passo Duran (1601)

  

Der Tag beginnt wie der vorherige: Schweres Gewitter macht den Wecker überflüssig. Nur fällt es diesmal nicht so stark aus, dafür soll auch der Regen heute länger anhalten und wenig Pause machen.

Die Startaufstellung in Wolkenstein verläuft chaotisch: Da durch das Regenwetter die meisten kurz vor knapp am Start erscheinen, herrscht blankes Chaos vor den Startblöcken. So ist der Zugang zu unserem Block B total verstopft, uns bleibt nichts anderes übrig als von der Seite am Ende von Block A das Rennen aufzunehmen. Ist ja auch egal, wenigstens bleibt mir so Larsis Startattacke erspart. Vielleicht lag es daran, dass heute ausnahmsweise ich den besseren Start erwische und das Sellajoch mit etwas Vorsprung nehmen kann. Der Regen stört eigentlich kaum, nur die Abfahrten sind etwas heikel. Die gedämpften Temperaturen kommen mir jedenfalls sehr entgegen. In den Abfahrten verhalten sich die Kollegen auch sehr vernünftig, man fährt sehr moderat gemeinsam ab. Mit einer Ausnahme: Ein wagemutiger Fahrer hat sich offenbar noch kurzfristig entschlossen, doch noch um den Etappensieg mitzufahren und schießt auf der Abfahrt rasant an uns vorbei. Leider hat er die Rechnung ohne das Wasser gemacht, denn schon in der nächsten Kurve hat er direkt vor mir den Abflug gemacht und auf tangentialer Linie den Kurvenkreis verlassen (erinnerte mich irgendwie an den Typen, der mir vor Jahren beim MTB-Marathon am Gardasee während seines Überholmanövers den Tipp gab "Geschwindigkeit gibt Sicherheit" und die nächste Kurve liegend anbremste). Nachdem wir uns versichert hatten, dass außer ein paar Schürfwunden nichts passiert ist, ließen wir es weiter rollen – die Finger an der Bremse waren dadurch aber nochmals sensibilisiert worden.

Bernd Emmrich Jeantex Tour Transalp 2006 Lars Bresche Jeantex Tour Transalp 2006 Valparola
Es stand auch der obligatorische Regentag an - mir war es recht, denn es war sicher gestellt, dass es nicht zu heiß wird.

Nach Canazei stand die Auffahrt zum Fedaia an. Auch hier soll es die angenehmere Seite sein, die wir zur Auffahrt nutzen. Sicher eine herrliche Gegend, wenn man diese nur sehen könnte. Der Regen trübte jedenfalls das Aufenthaltserlebnis beträchtlich. Die Abfahrt nach Caprile verlief unspektakulär, ich wäre nur beinahe am Abzweig zum Passo Staulanza vorbeigeschossen. Hier wieder das Bild der vergangenen Tage: Kleine Gruppen in bekannter Zusammensetzung. Nur ist hier der Positionskampf heute irgendwie aggressiver. Während ich unten nicht wusste, welchen Baum ich zuerst ausreissen sollte, schmiss Lars im oberen Teil seinen Turbo-Diesel an und fuhr wie ein Moped der Passhöhe entgegen. Ein Team nach dem anderen verlor daraufhin den Anschluss und ich war auch froh, das Easton-Hinterrad nicht aus den Augen zu verlieren. Die Abfahrt hinunter nach Dont war wieder wenig aufregend - man gewöhnt sich sehr schnell an den Luxus der gesperrten Straße.

Bernd Emmrich Jeantex Tour Transalp 2006 Lars Bresche Jeantex Tour Transalp 2006
Unser bester Tag der Woche wurde mit Startblock A am Folgetag belohnt :-)

Bernd Emmrich Jeantex Tour Transalp 2006 Passo Duran
Am Passo Duran wurde die Regenjacke überflüssig, die Straße bekam erstmals an diesem Tag trockene Flecken.
Dort aber dann ein scharfer Knick zum Passo Duran, sowohl horizontal als auch vertikal. Mit einem Schlag bäumt sich die Straße auf und steht da wie eine Mauer. Uff, da muss man erst mal wieder Tritt fassen. Die 600 Höhenmeter sind am Ende jedenfalls eine große Herausforderung für uns, die wir noch gut meistern. Immerhin hat es zwischenzeitlich auch aufgehört zu regnen. Zum Ende des Passes wird es einen Tick flacher, aber nur zwei, drei einzelne Fahrer überholen uns. Die Straße in der Abfahrt ist fast trocken, so 100%ig trauten wir dem Frieden nicht. Wir holen noch ein Team ein, das uns folgt und mit dem wir auch die Reststrecke von Agordo nach Alleghe bestreiten werden. Auf dieses Stück habe ich mich schon gefreut: 20 Kilometer bei 400 Höhenmetern versprach einen Stampferkurs. Und so war es dann auch, mit dem Team Leveco.ch bildeten wir einen flotten Straßenvierer. Bei Lars wurde langsam der Akku leer, bei mir gings noch ganz gut. Wir holten so auch bald eine kleine Gruppe ein, die natürlich mitzog, aber nach vorne nichts einzubringen hatte. Der freundliche Kollege vom Team Leveco.ch gab uns noch eine Runde Traubenzucker für das Finale aus, das war super (Danke noch mal dafür! Wir haben uns mit Bier dafür revanchiert ;-). Und schon kam die nächste Gruppe in Sicht, hier waren Teams drin, die weit vor uns platziert waren (u.a. auch das führende Mixed-Team). Letzter Kurzanstieg nach Alleghe, die eingeholte Gruppe platzt auch noch ab, jetzt geht die Post aber erst richtig ab: Hier wird tatsächlich noch 800 Meter vor dem Ziel gnadenlos attackiert! Geile Sache, wir packen noch mal alles auf das Pedal und kommen noch vor der eingeholten Meute ins Ziel. Wir ahnen, dass heute ein guter Tag für uns war. Wir hofften auf einen Sprung nach vorne im Klassement.

Bernd Emmrich Zieleinlauf Alleghe Jeantex Transalp 2006
Zieleinlauf in Alleghe - ein geiler Höllenritt endet mit grandiosem Finale! Es sollte der Tag der Woche oder eigentlich fast des Jahres!

Unsere Hoffnung war begründet: In der Tageswertung Platz 23 bei den Herren und nun Platz 37 insgesamt! Juhu, wir haben es erstmals in den Block A geschafft! Was nicht alles möglich ist, wenn die Sonne nicht scheint...

Hotelpanne bei der Buchung war auch kein Problem, anstatt von vier Doppelzimmern haben wir zwei 3er-Zimmer und ein Doppelzimmer. Silkes Bemühungen bei der schwierigen Buchung in diesem Kaff waren also von Erfolg gekrönt. Lars und ich teilen uns auf die anderen Teamzimmer auf. Ich erhalte Nachhilfe in Alb-Schwäbisch vom Team Belli, Lars vom Team Vo dr Alb ra. Na, mal was anderes. Radputz war auch wieder fällig, wenn auch nicht ganz so gründlich vollzogen wie gestern. Wer weiß, wie das Wetter werden wird…

Silke Pokrop und Kerstin Löffler Jeantex Tour Transalp 2006
Silke und Kerstin werden in der Damen-Wertung Tages-Dritte, auch das hebt die Stimmung.

   

Etappe 6: Alleghe - Kaltern (30.06.2006)

115,39 km - 2917 Hm 
Pässe: Passo San Pellgrino (1907) Karerpass (1745) Deutschnofen (1431) Coyotenpass (398)

  

Das Wetter hielt sich lange verborgen denn unsere Zimmerfenster waren gegen Hang und Betonwand gerichtet. Aber wolkenloser Himmel hellte die Stimmung aller Teilnehmer auf. Wir genießen erstmals das hart erkämpfte Privileg, aus dem ersten Block starten zu dürfen und rollen entsprechend spät und locker an. Der Startbereich am See bietet ein herrliches Panorama, wofür wir aber leider zu wenig Muße haben. Unser Einstieg in Block A kam goldrichtig, denn das Rennen begann mit einer acht Kilometer langen neutralisierten Abfahrt. Sehr schön, wie entspannend das hier vorne ist! Doch schon bald knickt die Straße nach rechts und nach oben ab. Das Tempo der Spitze ist noch so moderat, dass ich in Sichtweite bleiben kann. In einem Tunnel wird es kurz unübersichtlich, denn hier verliere ich kurz den Überblick und den Kontakt zu Lars. Ist er nun vor oder hinter mir? Der prüfende Blick nach vorne lässt kein Laktatexpress-Trikot erkennen, nach hinten kann man nur eingeschränkt suchen. Doch schon bald taucht mein B-Partner auf und wir rollen wieder Rad an Rad zum Passo di San Pellegrino hinauf. Die steileren Stiche rollen bei mir etwas besser, was aber nur marginal Bedeutung hatte. Oben raus wird dann wieder fleißig gedrückt, bevor es in die lange Abfahrt nach Moena geht. In der Abfahrt läuft es mal wieder gut, als Fleischklops hat man nicht nur Nachteile.

Unsere Kameraden legen in der anschließenden Flachpassage eine ruhige Phase ein, zu ruhig wie ich fand. Eine Tempoverschärfung ging aber keiner mit, auch Lars gönnte sich eine "Verschnaufpause": Ein kleines Problem am Reifen zwingt ihn unmittelbar vor dem Karerpass zu einem kurzen Halt, wodurch sich ein Loch zur Gruppe öffnet. Wir sind dran, aber so ca. 300 Meter müssen erst mal wieder zugefahren werden. Lars ist da supercool und verringert langsam mit konstantem Tempo den Abstand zur Gruppe. Minutenlang fahren wir selbst dann noch hinterher, als die Gruppe nur noch 30-40 Meter weg war. Sicher hätte Lars das Loch bis Passhöhe perfekt zugefahren, ich habe gegen so kurze Löcher allerdings eine Allergie entwickelt und musste das mit einer Tempoverschärfung so schnell wie möglich dicht machen. Zwei Wege, ein Ziel. Obwohl wir vom Tempo her wieder prächtig harmonieren, gibt es halt doch noch feine Unterschiede.

Die Abfahrt vom Karerpass nach Birchabruck zog sich auch wieder lange hin, wir konnten hier sogar eine vor uns liegende Gruppe einholen. Dann folgte der Anstieg nach Deutschnofen, eine relativ seichte Sache, aber wenn man entsprechend schnell fährt wird auch das schwer: Ein letztes Mal Wasser an der Station gefasst und rauf geht´s. Lars sieht vor uns die blauen Trikots des Teams Belli und will dort scheinbar unbedingt aufschließen. Anfangs konnte ich noch schön mitfahren, aber Lars hat Feuer gefangen und will dort offensichtlich unbedingt hinfahren. Das letzte Stück des Passes war die Hölle, Lars hat mich an den Rand der Explosion gebracht, und diese blauen Trikots sind keine 100 Meter mehr weg. Ich bete nur – nein, eigentlich fluche ich, dass die beiden Bellis entweder schneller oder langsamer fahren mögen, diese Hatz bringt mich jedenfalls langsam aber sicher um. Eine kurze Abfahrt bot die Möglichkeit, den Sack zu zu machen, aber wir haben nur einen Schmarotzer dabei, der partout nichts tun will (obwohl sein Teampartner vor uns war). So schaffen wir auch hier den Anschluss nicht. Bevor es auf die große Abfahrtssause hinunter nach Auer ins Etschtal geht, werden wir von einer Gruppe von hinten eingeholt. Ich darf fast die ganze Abfahrt vorne fahren, was ungeheuer Spaß macht. Denn ich muss nicht treten (hätte bei meiner Übersetzung 53/13 nicht viel Sinn), sondern nur meine Masse möglichst klein falten – das reicht schon, um schneller runter zu rollen als die meisten anderen. Genial war auch das begleitende Polizeimotorrad, denn das fuhr meist 100 bis  200 Meter vor mir. So konnte man wunderbar sehen, ob die Kurven zumachen oder ob es sich um Kehren handelt. Yes, das war geil!

Unten angekommen musste man erst mal die aufgebauten Endorfine verdauen, ehe man die stehende Hitze wahrzunehmen hatte. Alle waren wir gespannt, was es denn mit dem im Roadbook vermerkten Coyotenpass auf sich haben wird. Uli Wadenquäler hat nicht zuviel versprochen als er am Vorabend ankündigte, dass wir ihn dafür hassen werden… Das elende Teil in der Hitze verlangte noch mal alles ab. Und dass es nach Kaltern noch mal bergauf geht, war uns auch klar. Hier mobilisierten ALLE um uns herum noch mal die letzten Körner, um ja keine Sekunde oder gar einen Platz kampflos abzugeben. Ich war für meinen Teil oben auf der Weinstraße angekommen fertig mit der Welt. Wenn das Ziel noch weiter oben im Ortszentrum von Kaltern gewesen wäre… hätte ich da natürlich auch rauf müssen. Aber ich weiß nicht, wann mir dann mein Vorname wieder bewusst geworden wäre.

Im Ziel dann aber doch wieder ein zufriedenes Gefühl, denn es lief insgesamt wieder gut. Die ausgehängte Liste bestätigte dies: Tageswertung Platz 25 bei den Herren, TOP 40-Platz in der Gesamtwertung und somit Startblock A verteidigt!

Am Abend kaufen wir noch Bier und andere Fußballnahrung als Vorspeise, schließlich spielt Deutschland gegen Argentinien. Das 1:0 der Argentinier verpenne ich, ohne es zu merken und freu mich dann über die deutsche Führung, die dann doch nur der Ausgleich war. Naja, Hauptsache die Klinsmänner kamen weiter, wenn auch nur übers 11er-Schießen.

 

Etappe 7: Kaltern - Riva del Garda (01.07.2006)

121,40 km - 2616 Hm 
Pässe: Mendelpass (1394) Andalo (1036) Passo del Ballino (796)

 


 

Der letzte Akt dieses vorzüglichen Konzerts steht an – die Schlussetappe über den Mendelpass zum Lago! Wir haben mal grob die Ergebnisliste abgecheckt und sehen wenig Möglichkeiten, uns nach vorne noch zu verbessern, aber doch die Gefahr, ein oder zwei Plätze zu verlieren. Die fraglichen Teams kennen wir natürlich, also heißt die Devise Augen auf und Hinterrad halten. Vom Start weg lotst uns uns-Uli zuerst durch den Dorfkern von Kaltern, damit er aus dem Führungsauto schöne Bilder das Haufens machen kann. Dass aber einige Helden etwas Chaos produzieren und sogar auf Gehwegen Plätze gut machen wollen, war nicht vorgesehen. Den Vogel schoss ein Polizist auf dem Motorrad ab, der das Gehwegspiel mitmachte und ohne mit der Wimper zu zucken zurück auf die Straße einbog (im 90-Grad –Winkel). Junge, das war nicht fein. Das Grauen währte aber nicht lange, denn die breite Mendelpassstraße war bald wieder erreicht. In der ungefähr achten Reihe nahm ich Platz, um auch mal mitzuerleben, wie das abgeht wenn die Spitze Gas gibt. Man lässt sich Zeit damit, denn ich darf ein paar Minuten mitrollen. 


Am Fuße des Mendelpasses ist das Feld noch geschlossen, doch nicht mehr lange... (in Reihe 6-7 am Zaun wird ein Laktatexpress-Trikot vermutet)

Dann geht’s ganz schnell: Zack, das Feld zieht sich, Löcher reißen und weg sind sie. Aha, so geht das also… Ich suche mir daraufhin meinen Platz im Feld und folge dem gutmütigen aber flotten Team Leveco.ch. Die sind optimal vorbereitet: Alle Teamnummern, die in Reichweite vor oder hinter ihnen liegen, haben Sie per Klebeband auf dem Lenker notiert. So wurde mir bei der Frage auch klar, ob wir die 11 Minuten noch reinholen, wie weit weg wir von einer Platzierungsverbesserung waren. Zu Mitte der Passhöhe ist Zeit, sich nach dem Teampartner umzusehen. Vor mir dürfte er nicht gelegen haben und hinter mir kein Laktatexpressler zu sehen. Was ist da los, hat er eine Panne? Liegt er doch vor mir? Ich verlangsame das Tempo und lass die Meute hechelnd vorbeiziehen, aber Lars kommt nicht in Sicht. 


Wo ist ... nein, nicht Behle, sondern Bresche? Larsi holt am Mendelpass nur Schwung für den Rest der Schlussetappe.

Stop, da hinten leuchtet der graue Helm mit dem weiß-gelben Trikot! Meine Güte, beide hinter uns liegende Teams sind schon durch, ob wir den Platz heute verlieren? Also schnell noch einen Riegel runter gewürgt, bevor Lars wieder sein Tempo vorgibt. Die letzten Kehren meistern wir wieder als geschlossenes Team.


Das Laktatexpress-Mixed-Team Dani und Jörg keulen den Mendelpass rauf. Die Mär vom nicht schiebenden Mixed-Team ist aber nun auch tot ;-)

Die Abfahrt nach Spormaggiore führt nicht wie geplant über die alte Mendelpassstraße, sondern wegen Kanalbauarbeiten über die Hauptstraße. Das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass uns einige Höhenmeter erspart bleiben. Wir trauern nicht wirklich darum. Vom Mendelpass runter läuft die Gruppe wie am Schnürchen, die Kurven werden in einer Linie genommen. Mit einer Ausnahme: Ein Spezialfreund, der bereits vor zwei Jahren Silke beinahe vom Rad gefahren hat, drängelt innen in die Kurve und lässt sich ausgangs der Kurve nach außen trieben – und mich Richtung Leitplanke. Das habe ich mir einmal, nein zweimal angesehen. Nach der Vorgeschichte entschloss ich mich gleich zur direkten Ansage: Ich bot ihm bei Wiederholung einen Satz heißer Ohren an - keine Verhandlungsbasis, sondern ein ehrliches Angebot. Denn er hatte keine Chance, aus dieser Gruppe nach vorne abzuhauen, folglich war diese aggressive Kurvendrängelei völlig sinnlos. Dann wollte er auch noch darüber diskutieren – genau in dem Moment, in dem ich in einem Flachstück aus der Führung ging und er diese hätte übernehmen sollen. So ein Trottel, hat offensichtlich so gar keine Ahnung von Radfahren. Als wir uns am Ende der Gruppe wiedersahen, erklärte ich ihm, dass wir jetzt drüber sprechen könnten, aber da wollte er nicht mehr, der Penner.

Amüsantes Intermezzo, doch die Abfahrt ging weiter. Wir holten unsere Gegner wieder ein, somit war wieder alles in Butter. Der Anstieg nach Andalo war für mich wieder grenzwertig, Lars bolzte wieder sein einmal angeschlagenes Tempo durch und ich hing wieder am virtuellen Haken. Aber irgendwie kamen wir oben an und genossen das Stück am Molveno-See entlang hinab nach Ponte Arche. Wer noch ein Feuerwerk zünden wollte, hatte nun eine der letzten Gelegenheiten dazu. Unser Freund aus der Abfahrt vom Mendelpass hatte bergauf durchaus Qualitäten, was Lars wiederum als Motivationsspritze nahm. Oh nein, nicht schon wieder so eine Jagd wie mit den Bellis… Doch er kannte keine Gnade und wollte den Penner keinesfalls gewähren lassen. Na gut, war zwar übel für mich, aber die paar Kilometer konnte ich das noch mitmachen.

Am Passo del Ballino jagte der in seiner Ehre gekränkte Penner hinunter, ich nutzte seinen Windschatten für einen Konter an der darauf folgenden Kuppe am Tenno-See. So ging ich dem Feld voraus eilend dem Ziel entgegen. Und in der letzten Kurve - 100 Meter vor der Zeitnahme - hat der Partner unseres Lieblingspenners sich auf die Straße gelegt (ist nix passiert, er hat nur seinen Kram wieder eingepackt). Wir konnten nicht anders als kurz und herzhaft lachen, so kaputt wir auch waren.

Am Abend dann wieder eine ausgelassene Feier in Riva: Man braucht nicht viel Bier, um es gehörig zu spüren... und der weite Weg ins Hotel trägt wesentlich zum Nüchterungsprozess bei.

Team Vo dr Alb ra werden Zweite bei den Grandmasters!

Team Vo dr Alb ra
Sepp und Hannes werden Zweite bei den Grandmasters. Feierlaune in Riva del Garda bis spät in die Nacht.

Am Folgetag wieder gleiches Spiel wie im Vorjahr: Mit dem Rad nach Rovereto, von dort mit dem Zug nach Bozen (für nur 3,80 Euro!!!) und dann wieder aufs Rad bis Franzensfeste, bis Gabi vom Maratona dles Dolomites aus dem Pustertal mit dem Auto angeschossen kommt. Diese 85 km gingen letztes Jahr noch leichter aus der Wade...

 

Fazit: Wieder eine intensive, absolut geile Woche! Die Organisation war perfekt, das Wetter hervorragend (von Ausnahmen abgesehen). Nach heftigen Bedenken am ersten Tag konnten wir uns auch dieses Jahr im Laufe der Woche steigern, und zwar noch mehr als letztes Jahr. Den vielen fleißigen Menschen, die dieses Radsportereignis durch ihre Mithilfe ermöglicht haben, sagen wir herzlichen Dank! Das Startgeld war zwar hoch, aber es gibt Momente, die sind unbezahlbar! Eine Woche im perfekten Teamwork mit Partner Lars gehören sicher dazu.

Auch den Leuten, mit den man eine Woche mit viel Spaß verbringen durfte, sei an dieser Stelle gedankt. Selbstverständlich ist das ja (leider) nicht. Auf diesem Wege also auch beste Grüße nach Essen, in den Schwarzwald und auf die Schwäbische Alb (rauf)!

 

 

 

 

 

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